Fritz Mauthner und Gustav Landauer

Ungehorsam gegen Gott und Staat

von Clara & Paul Reinsdorf

“Du willst Sprachkritiker sein und denkst an Deutschland” – Enttäuschung und Ärger schwangen mit in den Worten, mit denen sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs Gustav Landauer (1870-1919), der Anarchist, Pazifist und später Teilnehmer an der Münchner Räterepublik, an seinen zwanzig Jahre älteren Freund Fritz Mauthner wandte. Seit 1889 kannten und schätzen sie einander; aus einer literarischen Zusammenarbeit war eine enge Freundschaft geworden, die nun zu zerbrechen drohte. Denn Mauthner, der Sprachkritiker, der Religionskritiker, der Chronist des Atheismus, befürwortete den Krieg.

In den Biographien von Landauer und Mauthner (1849-1923)1 finden sich erstaunliche Parallelen. Beide stammen aus assimilierten jüdischen Bürgerfamilien; beide fassen schon früh den Entschluss, Schriftsteller zu werden; beiden gelingt es als Journalist, Literaturkritiker und Autor das Leben zu bestreiten, wenn auch unter prekären Verhältnissen und oft von Brüdern oder Cousins finanziell unterstützt.

Geboren wird Gustav Landauer am 7. April 1870 als zweites Kind eines Schuhwarenhändlers in Karlsruhe. Er besucht dort das Gymnasium, anschließend studiert er in Heidelberg, Berlin und Straßburg Germanistik und Philosophie. Ähnlich wie bei Mauthner sieht auch Landauers Vater den Sprößling lieber in einem bodenständigen Beruf: “Auf ein Examen, das mir doch keinen Beruf eröffnet, den ich ergreifen wollte oder könnte, verzichte ich. Aber Tätigkeit will ich und brauche ich. (...) Mein Vater hat es von vornherein sehr ungern gesehen, dass ich Philologie studierte; er hätte gewünscht, dass ich Mediziner oder Jurist geworden wäre. Da er es endlich zugegeben hat, glaubt er bestimmt, dass ich sobald als möglich ein Examen machen und eine Anstellung bekommen werde. Dennoch ist ihm meine in geringem Umfange betriebene literarische Tätigkeit bisher durchaus nicht missliebig gewesen und wenn ein Buch von mir erscheint, wird er sich sicherlich sehr freuen, wenn er auch vom Inhalt desselben nicht recht erbaut sein mag.”2

Im Herbst 1889 wendet sich deshalb der schriftstellerisch ambitionierte, neunzehnjährige Student Landauer mit einem Bittschreiben um Veröffentlichung eines beigefügten Essays an den inzwischen etablierten Schriftsteller und Theaterkritiker Mauthner: ein damals nicht unübliches Verfahren der Self-Promotion. Der Essay erfährt zwar Mauthners Ablehnung, die Wortgewandtheit beeindruckt aber. Landauer kann fortan nicht nur Rezensionen in diversen Periodika veröffentlichen, sondern wird auch von seinem älteren Mentor in die literarischen Kreise Berlins eingeführt. Aus den ersten Kontakten der Beiden entwickelt sich ein reger Briefwechsel, der bald vom “Sie” auf ein “Du” überwechselt, die folgenden drei Jahrzehnte andauert und auch dann aufrecht erhalten wird, wenn der Partner in erreichbarer Nähe wohnt und eigentlich eher ein Gespräch angesagt wäre.

Landauer, der aus der Provinz in die Hauptstadt zieht, schließt sich 1892 dem Verein Unabhängiger Sozialisten an. Rasch gehört er zum Herausgeberkollegium ihres Presseorgans Der Sozialist. Dort veröffentlicht er Aufsätze und Artikel zu Fragen der Kunst, widmet aber mehr und mehr seiner Zeit auch politischen Themen, schreibt über die ökonomischen Theorien von Karl Marx und Eugen Dühring. Im gleichen Jahr heiratet Landauer die Schneiderin Margarethe Leuschner. Nur wenige Monate später, spaltet sich der Verein Unabhängiger Sozialisten. Landauer, inzwischen ein führender Vertreter dessen anarchistischen Flügels, beendet seine Mitarbeit im Sozialist, der anderthalb Jahre später sein Erscheinen einstellt.

Während Mauthner nie Probleme mit der Obrigkeit bekommt, wird Landauer wegen seiner staatskritischen Haltung von der Polizei überwacht. Im August 1893 nimmt Landauer als Delegierter der Berliner Anarchisten am Kongress der II. Internationale in Zürich teil. Der Arbeiterkongress beschließt eine Resolution, die sich für die Teilnahme an Wahlen und eine Betätigung in den Parlamenten ausspricht; die Anarchisten sind dagegen und werden aus der II. Internationale ausgeschlossen.

Zwei Monate später hat die politische Polizei genug Material gesammelt: Landauer wird verhaftet und wegen “Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt” zu insgesamt neun Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Haft versucht Landauer in der Schweiz Fuß zu fassen, scheitert aber aus ökonomischen Gründen. Zurück in Berlin gründet er eine Zeitschrift, die vom Titel her an das erste Magazin anknüpft, für das er zuvor schon geschrieben hatte, aber mit ergänzendem Untertitel diesmal deutlich die Ausrichtung signalisiert: Der Sozialist. Organ für Anarchismus-Sozialismus. Das Blatt erscheint bis 1899.

Kurz vor der Jahrhundertwende begegnet Landauer erstmals seiner zweiten Frau, der Lyrikerin und Sprachlehrerin Hedwig Lachmann (1865-1918). Sie reisen beide nach England, wo Landauer Freundschaft mit dem russischen Anarchisten Peter Kropotkin schließt. – Später wird Landauer zahlreiche Werke Kropotkins ins Deutsche übersetzen.

1902 kehren Landauer und Hedwig Lachmann nach Berlin zurück. Sie heiraten ein Jahr darauf, kaum nachdem sich Landauer von Margarethe Leuschner hat scheiden lassen. 1909 wird Landauer erneut Herausgeber einer Zeitschrift, und wieder nennt er sie Der Sozialist. Prominente Mitarbeiter an diesem Blatt waren u.a. Erich Mühsam, Martin Buber und die Feministin Margarethe Faas-Hardegger.

Der Erste Weltkrieg – Belastungsprobe für die Freundschaft

Am 28. Juni 1914 schrecken die Schüsse von Sarajevo die Weltöffentlichkeit auf. Einen Monat später erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Die “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts” (diese inzwischen geflügelte Bezeichnung soll zurückgehen auf den US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan) nimmt ihren Lauf. Landauer lässt sich nicht von der, insbesondere in bürgerlichen Kreisen, um sich greifenden Kriegsbegeisterung anstecken, bleibt vielmehr als Anarchist und Pazifist seinen Idealen treu.

Nicht so Fritz Mauthner. In mehreren Artikeln im Berliner Tageblatt kommentiert er die sich entfaltenden Ereignisse, ergreift Partei für Deutschland. Landauer ist entsetzt und schreibt seinem Freund, “dass wir uns in Sachen dessen, was ich rundheraus und ungemildert Chauvinismus und widerwärtige Retaliation nenne, nicht verstehen können (...). Das heißt, ich weiß schon; Du wirst mich verstehen, aber ich Dich nicht. Du, Fritz Mauthner, Verfasser der ‘Sprachkritik’, Du, Fritz Mauthner, anerkannter und berühmter Schriftsteller, auf den man hört und der in keiner Weise politisch verfemt ist, hast in dieser Zeit eine hohe Aufgabe – gehabt. (...) Ich hatte gehofft, dass der Menschheit Deine wundervolle Besonnenheit und ruhig untersuchende Objektivität jetzt nicht fehle. Aber Du redest Dir ein, man müsse jetzt ein ‘Deutscher’ sein (...). Du entschuldigst Dich, dass Du ‘in dieser Zeit’ Philosophie treibst. Wann denn soll man sie treiben? Gibt es denn ein besseres Mittel gegen Wahnsinn und Mord als Philosophie?”3

Weitere anklagende Briefe an Mauthner folgen. Mauthner fühlt sich gekränkt. Wie sehr, zeigt ein Eintrag in sein “Kriegstagebuch”: “Unerhört taubwütiger Brief von L[andauer], der mir Feigheit, Unfähigkeit, Leichtigkeit vorwirft. Der Teufel soll meinen Sinn für Gerechtigkeit holen, der mich zuerst fragen lässt, ob ich diese Frechheiten am Ende verdient habe. Habe sie nicht verdient. Was hat dieser Krieg, den ich nicht verschuldet, mit meiner Erkenntnistheorie zu tun? Ich versuche zu lachen und leide dennoch von diesem Angriff. Seine Berechtigung würde, wenn irgendwo, viel tiefer sitzen als L[andauer] ahnt. Darin, dass ich überhaupt außer meiner ‘Sprachkritik’ noch an etwas Anderem, Kleinerem arbeite. Dass ich nicht buchstäblich hungere und bettle. Dass ich nicht ein Märtyrer bin. Hat aber ein Mensch das Recht, dem Anderen das vorzuwerfen? Und ist meine Lebensleistung nicht doch größer als die eines Utopisten, der zuletzt auch, seitdem er kein Jüngling mehr, das Märtyrertum ablehnt? Ich möchte fast öffentlich antworten.”4

Einen Tag später notiert Mauthner in sein Tagebuch: “Ich werde es nicht tun. Ich würde die Achtung, die ich nicht vor L[andauer]s Lebensleistung, aber vor seinem Flackerfeuer habe und behalte, zu verletzen scheinen. Und ich brauche mich nicht zu verteidigen. Ich habe in diesen 3 Kriegsartikeln nichts Großes gesagt, aber doch genug offen meinen Standpunkt anderen mitgeteilt: unbedingte Hingabe an die deutsche Sache, bis zum tödlichen Hasse gegen England, dabei aber festhalten an der Sehnsucht nach dem Frieden.”5

In einem Antwortbrief macht Mauthner seine Gedanken dann dem Freund publik: “Ich gebe Dir immer das Recht, mir Halt zuzurufen, wenn ich etwa auf dem Wege der Lüge betroffen sein sollte. Ich gebe Dir nicht das Recht, mir Unfähigkeit, Leichtigkeit und wer weiß was noch (‘jounalistische Verpflichtungen’) vorzuwerfen (...). Bei mir ist Todesangst um Deutschland das beherrschende Gefühl, bei Dir offenbar nicht, da Du das mindestens unglückliche Wort von den ‘europäischen Soldaten’ gebrauchst, ich meine, jeder der beiden Standpunkte ließe sich mit den gleichen Schimpfworten verteidigen, wenn Schimpfworte überhaupt gute Waffen wären.”6 Und unter Anspielung auf Landauers enge Freundschaft mit Martin Buber fügt er noch hinzu: “Ich weiß nicht, ob du noch zionistische Neigungen hast; möchte aber wissen, ob Du zum Frieden reden wolltest, wenn es so wäre und Dein zionistischer Staat von europäischen Soldaten angegriffen würde.”7

In Folge dieser Auseinandersetzung kühlt die Freundschaft merklich ab. Dennoch wird der Briefwechsel aufrechterhalten. 1915 führt die Verschärfung der Zensur zum Einstellen des Sozialist. Mauthner wie Landauer beschäftigen sich während der meisten Zeit des Krieges mit allgemeineren philologischen Themen, u.a. Shakespeares Dramen werden in den Briefen immer wieder zitiert, analysiert und interpretiert. Der Ton wird langsam versöhnlicher.

Novemberrevolution

Und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Im Februar 1918 stirbt Hedwig Lachmann, der Tod seiner zweiten Frau erschüttert Landauer zutiefst. Doch dann: Streiks, Aufstände, Unruhen. Die Lage in der Heimat, Meldungen von der Front, aus dem fernen revolutionären Russland – alles deutet auf Veränderung hin. Eine hoffnungsvolle Ahnung liegt in der Luft: So kann es nicht weiter gehen. Im November zeigen endlich weite Teile der Bevölkerung Rückgrat und verweigern der Obrigkeit den Gehorsam. Soldaten werfen ihre Waffen weg, Matrosen meutern, die Front bricht zusammen. Deutschland erlebt eine Revolution, die einen Weltkrieg beendet.

Mauthner dagegen, der Patriot, erlebt das gleiche Geschehen als Kapitulation, als persönlichen Niederlage; nur langsam vermag er die Ereignisse der letzten Kriegsmonate wieder hinter sich zu lassen. In einem Brief schreibt er darüber an Landauer: “Ich stehe der Revolution, das weißt Du, wahrlich nicht fremd oder kalt gegenüber; sie war nötig, und ich hoffe viel von ihr (lächle nur über die Kleinigkeit: Trennung von Kirche und Schule); aber ich kann die Trauer nicht ganz überwinden. Ist Deutschland nicht zum Tode verurteilt?”8

Am 14. November bittet der gerade ins Amt gekommene erste Ministerpräsident des eben frisch gegründeten “Freistaats Bayern” Kurt Eisner (1868-1919), ein USPD-Mitglied, Landauer nach München: “Kommen Sie, sobald es Ihre Gesundheit erlaubt. Was ich von Ihnen möchte, ist, dass Sie durch rednerische Tätigkeit an der Umbildung der Seelen mitarbeiten.” Landauer ergreift die Gelegenheit und begibt sich nach München. Mauthner kommentiert das neuerliche politische Engagement seines Freundes: “Du hast jüngst prophezeit: Revolution in Frankreich usw. Wenn Du darin richtig prophezeit hast (ob so oder so, ob so oder so) so glaube ich an die Rettung Deutsch-lands, und bin bereit, Dir und Eisner von da ab blind zu glauben. Hast Du Dich aber darin geirrt, dann finis Germaniae.”9

Am 19. Februar 1919 wird Eisner von einem völkisch-nationalistischen Studenten ermordet. Der Streit um einen parlamentarischen oder rätedemokratischen Weg eskaliert daraufhin. Knapp zwei Monate später, am 7. April, erfolgt die Ausrufung der Münchner Räterepublik. Landauer akzeptiert den Posten des “Beauftragten für Volksaufklärung”. In einem Brief, der letzte, den er an Mauthner senden sollte, schreibt Landauer: “Die Bayrische Räterepublik hat mir das Vergnügen gemacht, meinen heutigen Geburtstag zum Nationalfeiertag zu machen. Ich bin nun Beauftragter für Volksaufklärung; Unterricht, Wissenschaft, Künste und noch einiges. Lässt man mir ein paar Wochen Zeit, so hoffe ich etwas zu leisten; aber leicht möglich, dass es nur ein paar Tage sind, und dann war es ein Traum.”10

Tonangebend in der Räterepublik sind zunächst, neben Landauer selbst, unabhängige Sozialisten und Denker wie Erich Mühsam, Ernst Toller oder Silvio Gesell. Doch schon bald übernehmen Parteikommunisten die Räteregierung. Enttäuscht von der Entwicklung erklärt Landauer am 16. April seinen Rücktritt von seinen politschen Funktionen und Ämtern. Die Münchner Räterepublik wird von Reichswehr und Freikorpsverbänden blutig niedergeschlagen, Gustav Landauer am 1. Mai verhaftet. Einen Tag später ermorden Soldaten den Anarchisten und Pazifisten im Zuchthaus Stadelheim.
Die Nachricht über Landauers Tod erschüttert Mauthner. In einem Brief schreibt er an die deutsch-jüdische Schriftstellerin Auguste Hauschner: “Was der Schmerz über L[andauers] Aufhören (...) betrifft, werden wir beide wohl gleich empfinden. (...) Aber auch – in dieser Zeit – nichts mitverschulden, was Deutschland schaden könnte. Die Frage ist furchtbar kompliziert. Es drängt sich mir aber der Plan auf, für mich allein, langsam, ein ernstes Buch über L[andauer] zu schreiben, das seinen Adel zeichnet.”11 Dieses Buch kam nie zustande.

Stattdessen nimmt Mauthner die Arbeit an der auch mit Landauer immer wieder besprochenen Geschichte des Atheismus auf.
 


Anmerkungen:
1 Ausführlich zu Mauthners Biographie vgl. MIZ 1/2009, S. 43-46.
2 Landauer an Mauthner, 11. November 1890. Die Zitate aus den Briefen und Tagebüchern sind entnommen: Gustav Landauer – Fritz Mauthner: Briefwechsel 1890-1919. Bearbeitet von Hanna Delf. München 1994.
3 Landauer an Mauther, 29 September 1914.
4 Mauthner, Kriegstagebuch, 6. November 1914.
5 Mauthner, Kriegstagebuch, 7. November 1914.
6 Mauthner an Landauer, 15. November 1914.
7 Ebenda.
8 Mauthner an Landauer, 3. Dezember 1918.
9 Mauthner an Landauer, 3. Dezember 1918.
10 Landauer an Mauthner, 7. April 1919
11 Brief an Hauschner vom 15.5.1919.